Schwieriger als eine WM – aber ein «Medaillen-Wunder» ist möglich
Zum ersten Mal seit 2014 unterbricht die NHL den Spielbetrieb, um ihren Stars das Olympische Abenteuer zu ermöglichen. Das bedeutet: Erstmals seit 2014 treten die Schweizer bei einem Titelturnier an, bei dem die besten Spieler der Welt vereinigt sind. Die Lohn-Gesamtsumme aller zwölf Teams beträgt fast 900 Millionen Dollar. Rekord. Nur die Russen sind nicht dabei. Sie sind wegen des Angriffskrieges gegen die Ukraine auf unbestimmte Zeit ausgeschlossen.
Die Schweiz hat vier Mal den WM-Final erreicht (2013, 2018, 2024, 2025), drei Mal unter Nationaltrainer Patrick Fischer. So gesehen wäre eine Olympische Medaille schon fast logisch und kein Wunder mehr. Aber allein olympischer Bronze-Ruhm wäre ein Wunder.
Bei der WM treten nur die NHL-Spieler an, die nicht mehr in den Stanley-Cup-Playoffs engagiert sind. Das sind zwar Stars aus mehr als 20 der 32 NHL-Teams. Aber viele NHL-Stars verzichten auf eine WM. Auf das Olympische Abenteuer verzichtet keiner. Zu gross ist die Olympische Magie gerade in Nordamerika.
2014 traten die Schweizer beim vorerst letzten Turnier mit allen NHL-Stars als WM-Finalist von 2013 an. Aber die Reise ging bereits im Achtelfinal gegen Lettland zu Ende (1:3). Neun Spieler spielten damals in der NHL oder zumindest temporär: Die Torhüter Reto Berra und Jonas Hiller, die Verteidiger Roman Josi, Mark Streit, Raphael Diaz und Yannick Weber sowie die Stürmer Nino Niederreiter, Damien Brunner und Simon Moser. Es war das bis dahin bestbesetzte Olympiateam unserer Geschichte.
Nun sind es in Mailand zehn aus der NHL. Torhüter Akira Schmid, die Verteidiger Roman Josi, Janis Moser und Jonas Siegenthaler sowie die Stürmer Nico Hischier, Nino Niederreiter, Philipp Kuraschew, Pius Suter, Kevin Fiala und Timo Meier. Eigentlich statistisch eine Zufallsdifferenz zu 2014. Und doch ist alles anders als 2014. Die zehn aktuellen NHL-Profis haben im Quadrat mehr spielerischen Einfluss in der NHL. Geld ist zwar nicht alles, aber in Nordamerika zeigt sich die sportliche Bedeutung auf dem Bankkonto.
Im Team von 2014 verdienten nur Jonas Hiller, Mark Streit, Raphael Diaz und Damien Brunner mehr als eine Million Dollar. Roman Josi war noch kein Millionär. 2014 belief sich die Salärsumme unserer NHL-Stars auf gut 16 Millionen Dollar, 2026 sind es fast 50 Millionen. Auch das mag zeigen, warum das Olympiateam von 2026 das beste unserer Geschichte ist. Und trotzdem ist Olympia-Bronze schwieriger zu erreichen und sportlich wertvoller als ein WM-Final. Aus drei Gründen.
Erstens: Die Hockey-Götter waren mit Patrick Fischer in den Finaljahren gnädig: Er konnte auf die meisten NHL-Stars zählen. Nino Niederreiter war sogar bei allen vier WM-Finals dabei. Weil die Schweizer mit ihren Teams nicht mehr in den NHL-Playoffs engagiert waren. Nun sind zwar in Mailand alle dabei, aber die Differenz etwa zum letzten WM-Finalteam ist überschaubar. Wir hatten in den WM-Finaljahren bereits nahezu (aber nie ganz) unser bestmögliches Team.
Zweitens: Kanada und die USA stellen ihre WM-Teams in der Regel aus NHL-Spielern zusammen. Auch die Europäer – vor allem die Schweden – setzen bei der WM stark auf NHL-Zuzüge. Aber die besten Kanadier, Amerikaner, Schweden, Finnen oder Tschechen sind nie alle in einem WM-Team. Das bedeutet: Die Olympia-Mannschaften unserer wichtigsten Gegner sind viel besser besetzt als bei einer WM. Unsere Olympiamannschaft ist zwar auch besser als jedes bisherige WM-Aufgebot. Aber die Teams der anderen Medaillenanwärter sind durch die Teilnahme der NHL-Stars um ein Mehrfaches besser als bei einer WM. Wir profitieren also von den NHL-Stars weniger als unsere Konkurrenz. Der Gewinn einer Olympia-Medaille ist deshalb noch schwieriger als das Erreichen eines WM-Finals.
Aber die Schweiz hat gegenüber allen anderen Medaillenanwärtern einen Vorteil. Weil die Besten aus der NHL in der Regel bei der WM fast vollzählig dabei sind – so wenig WM-Absagen wie die Schweiz hat keine andere grosse Hockey-Nation – ist unser Nationalteam während der letzten Jahre zusammengewachsen, eng zusammengerückt und gut eingespielt. Das ist die Magie von Nationaltrainer Patrick Fischer, die nicht hoch genug bewertet werden kann.
Die anderen müssen hingegen ihr Olympiateam neu zusammenbauen. Die Schweizer mögen in der Breite weniger Talent haben. Aber sie sind besser eingespielt und inzwischen offensiv so gut und mutig wie nie und wagen es, das Spiel jedes Gegners mit intensivem Forechecking an der Wurzel zu packen. Das gab es bei einem Olympischen Turnier noch nie.
Eishockey mag ein unberechenbares Spiel sein. Aber am Ende läuft alles auf einen Punkt hinaus. Auf den Torhüter. 2018, 2024 und 2025 hexte Leonardo Genoni seine Vordermänner in den WM-Final und war einer der besten und 2025 sogar der beste Torhüter des Turniers. Als erster Schweizer Torhüter überhaupt geadelt mit der Auszeichnung zum MVP.
Leonardo Genoni ist wieder dabei. Er ist nur neun Monate älter als bei der WM 2025. Ob es zu einem «Medaillen-Wunder» reicht, hängt von ihm oder von Akira Schmid oder von Reto Berra ab. Am Ende jeder Beurteilung eines Teams gilt: Ein Torhüter ist nicht alles, aber ohne guten Torhüter ist alles nichts. Das mag wie ein Klischee fürs Phrasenschwein tönen. Aber es ist nun einmal eine ewige Wahrheit des Hockeys.
